Freitag, 9. Oktober 2009

Match ohne Sieger

In Zeiten wie diesen, in denen sich jede noch so winzige Currybude eine aufwändige Website leistet und sich an Kundenbindung per E-Mail-Newsletter versucht, will auch die Bundesagentur für Arbeit a.k.a. das Arbeitsamt nicht hinten an stehen. Tut sie aber. Wie sonst ist es zu erklären, dass...? Aber lesen Sie selbst:

1. Aufschlag
Als verantwortungsbewusste und dankbare Bezieherin von Sozialleistungen (ALG I) schaue ich natürlich regelmäßig auch unter arbeitsagentur.de nach, ob es dort meinem Fähigkeitenprofil entsprechende Angebote gibt. Ich melde mich per Log-In plus Passwort an und erhalte nach Eingabe bestimmter Suchbegriffe die für mich passenden Stellen. Im besten Fall. Eigentlich.

Denn mit Entsetzen stelle ich fest, dass vor kurzem eklatante Änderungen an meiner Biografie vorgenommen wurden. Zum Beispiel ist mir kurzerhand mein Abitur aberkannt worden. Grmpf. Und auch die bisherigen Tätigkeiten in diversen Firmen - ich bin Marketingfachkraft - wurden jeweils komplett umbekannt, zum Beispiel in PR-Referentin.

Ich klicke den Kontaktbutton zu meiner Arbeitsberaterin und schreibe ihr, sie möge diese Dinge bitte wieder gerade rücken.

2. Aufschlag

Post vom Amt. Ganz Oldschool, im Briefkasten. Ein Vermittlungsvorschlag. Ich denke: "Oh, ein haptisches Erlebnis. Prima. Und vielleicht ja die Chance auf einen neuen Job, der..." Weiter komme ich gar nicht, denn ich lese die Überschrift "Vertriebsassistentin". Wie kann das sein? Entschuldigung, aber ich bin doch MARKETINGFACHKRAFT.

Als ich mich auf arbeitsagentur.de in mein Profil einlogge, sind die Falschangaben inzwischen zwar korrigiert, aber sobald ich einen Suchalgorithmus auslöse, also mein Profil gegen die Stellenangebote "matche", wie es neudeutsch heißt, erscheinen lauter Vertriebsjobs. Ich ärgere mich, anstatt mich zu wundern und beschließe, meine Arbeitsberaterin auf diesen Lapsus anzusprechen. Der Termin steht kurz bevor.

3. Aufschlag
Meine Arbeitsberaterin schaut sich mit mir zusammen an ihrem Computer mein Profil an, löst den Matching-Vorgang aus und wundert sich über die Ergebnisliste: Lauter Vertriebsjobs. Dann klickt sie hier und da, loggt sich hier ein, dort wieder aus, öffnet diverse Bildschirmfenster und zieht ihre Stirn in Falten. Sie ist ratlos. Es habe kürzlich eine Systemumstellung gegeben, und dabei seien einige Daten offenbar fehlerhaft übertragen worden.

Der Vermittlungsvorschlag, den ich zu unserem Termin mitgebracht habe, wird von ihr zerrissen und entsorgt. Dann schimpft sie noch ein bißchen über das EDV-System und schaut mich erwartungsfroh an. "Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?" Ich lächle müde.

4. Aufschlag

Ich erhalte eine E-Mail von der Arge und bin leicht verunsichert. Die Arge ist zuständig für die Empfänger/innen von ALG II, auch als "Hartz IV" bekannt. Eine mir unbekannte Dame schickt mir einen Vermittlungsvorschlag. Ich möge bitte den Anhang öffnen und mich dann auf die Stelle bewerben. Gern, nur: Der Anhang besitzt die Endung .exe, und jeder Sechsjährige weiß heutzutage, dass man so etwas besser nicht öffnet. Ich antworte der Dame also, dass ich den Anhang nicht öffnen kann und frage höflich nach, wie es kommt, dass Sie, also die Arge, mir schreibt. Die Antwort kommt prompt: Ich solle sie morgen Vormittag kurz anrufen.

Nach etlichen vergeblichen Versuchen am nächsten Tag erreiche ich die Dame. Sie arbeite im Jobcenter und habe mein Profil in ihrem System entdeckt. Ok. Sie wolle mit mir gemeinsam nun den Vermittlungsvorschlag aufrufen und durchgehen. Ok. Ich klicke mich also nach ihren Anweisungen durchs Internet, wieder auf die Seite der Arbeitsagentur. Dann stutzt sie, flucht, wundert sich - und resigniert.

Wir verbleiben so, dass sie mir die Jobbeschreibung per Mail schickt. Vorher liest sie sie mir vor. Es handelt sich um eine Tätigkeit im - Sie ahnten es bereits - Vertrieb.

Spiel, Satz und Niederlage

Es ist den Experten der Bundesagentur für Arbeit offenbar nicht möglich, ein EDV-System so zu programmieren, dass es einfachste Suchalgorithmen ausführt. Schade. Wie gut, dass die derzeit offiziell 3,3 Millionen Arbeitsuchenden nicht ausschließlich auf die Hilfe der Agentur für Arbeit angewiesen sind.

Bin ich frustriert? Nein, ich wundere mich nur und befinde mich inzwischen im 7. Monat meiner Arbeitslosigkeit. Wenigstens scheint die Sonne. Fun_employment ist angesagt.

2 Kommentare:

  1. Willkommen auf Jobsuche 2.0!

    Ein wunderbarer Beitrag, welcher die Realität sehr gut darstellt und dazu noch in solch wunderbarer, bildhafter Sprache geschrieben. Ausgezeichnet!

    Theoretisch ist alles möglich, der Gedanke der Bundesagentur per se ist auch gut, lediglich zur Praxis gelangt man alleine schon aus Gründen der konzipierten Systemarchitektur, oder des nicht zu Ende gedachten systemunterstützten Prozesses inkl. 'matching' und 'profilings' nur über Umwege. Bevor man Daten migriert würde man immer eine umfangreiche Testphase erwarten, diese könnte die Bundesagentur sogar aus dem Pool der Arbeitssuchenden akquirieren. Von einer intensiven Schulung der Mitarbeiter reden wir erst gar nicht.

    Scheinbar wird eine gewisse Offenheit zu multiplen Persönlichkeitsstrukturen erwartet, wenn nicht vorausgesetzt. Beim einloggen schon die virtuellen Hütchen parat; mal schauen wer ich heute bin…? Marketingfachfrau, Vertriebsassistentin, PR-Wunderwaffe? Wer wird denn so unflexibel sein?

    Lassen Sie sich nicht entmutigen! Der Lernprozess der Bundesagentur und deren Mitarbeiter ist noch nicht finalisiert. Der Paradigmenwechsel von der Verwaltung zur aktiven Betreuung hinzu zur Vermittlung ein steter Lernprozess und erst am Anfang. Panta Rhei...

    Ich würde den Mitarbeitern eine Erfolgs Kopfprämie zahlen. Je Vermittlung 100€ Netto mehr, ich bin mir sicher der 'Laden' würde brummen...

    Eine Marktlücke ist m.E. das Bundesagentur-Ü-Ei, je nach Bedarf springt ein Püppchen aus den Branchen Handwerk, Administration, Management, Büroorganisation, öffentlicher Dienst heraus. Die Premium Version gibt es bereits ab 1,99€ und diese liefert bereits komplexere Aufgabenstellungen; wer baut am schnellsten einen Turm, eine Geschichte zu 5 genannten Begriffen schreiben uvm. Deutschland kann es besser!

    Zeiten online erfassen und potentielle Kandidaten werden direkt und ohne Umwege inkl. des Profils zu dem jeweiligen HR Manager weitergeleitet. Hier bekäme der Begriff Jobrotation eine komplett neue Definition und Dimension, da auch die Arbeitgeberseite nun endlich den Druck verspüren könnte und in die Pflicht zu agieren käme. Immerhin sind derzeit 1,3 Millionen offene Stellen zu besetzen und die Sozialsysteme würden sich über diese Beitragszahler sehr freuen, zumal Herr Westerwelle damit auch seine Steuersenkungspläne eher umsetzen könnte. Ergo eine klassische Win-Win Situation. Deutschland kann es besser!

    Je Bundesagentur-Ü-Ei-Basic werden 1,19€ fällig, die Premium Version gibt es bereits für 1,99€. Mehrfachkäufe sind erlaubt und erwünscht, schließlich erhöht sich damit die Wahrscheinlichkeit den passenden Arbeitgeber zu finden. Damit finanziert sich die Bundesagentur ab 2014 selbständig, da die Hartz IV Empfänger für die Produktion eingesetzt würden, aus der Arbeitslosenstatistik fielen und somit alle aktiv zur Wiederbelebung des Binnenmarktes beitrügen. Fun_employment at its best! To be continued…

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  2. Geht auch Controller...?

    Fast alle Erfahrungen kann ich bestätigen und durchaus noch erweitern. Meine Highlights waren a) das Ausfüllen der gefühlten 17 seitigen Erfassungsbögen, dicht gefolgt von dem Aufruf mich zum Zimmer 317 zu begeben, wo mich mein zuständiger ‚Sach‘-Bearbeiter bereits hochmotiviert erwartete. Boarding completed!

    Leider verblieb nicht ausreichend Zeit den Fragebogen vorab zu komplettieren, also schnell noch parallel Schönschreiben. Mal ehrlich; wen interessiert es denn wirklich, ob ich mein Fachabitur im Juli, oder im August Annotubak absolvierte?! Und b) die verzweifelten Versuche mich einzuordnen. Allmächtiger!

    Ich bin ergo die erste Abteilungsleiterin Deutschlands, die sich registrieren lassen muss? What is wrong with this picture? Ich hätte wenigstens etwas Konfetti erwartet!

    Ich fülle also diesen Fragebogen noch schnell aus um effizient voranzukommen und übergebe ihn an meinen Sachbearbeiter, welcher ohne zu zucken sich daran macht meinen Input in aller Ruhe in sein ‚System‘ einzudaddeln. Der Prozessmanager in mir klatscht mental die Hände auf die Stirn. Dieser Prozess ließe sich eindeutig effizienter gestalten, ich erwähne dies und betone meine Verfügbarkeit, meinen Gestaltungswillen und leite den direkten Nutzen für die Bundesagentur ab. Meine Rückmeldung wird zur Kenntnis genommen. An dieser Stelle erspare ich Ihnen die Beschreibung meines Gesichtsausdrucks. Unfassbar!

    „Was machen Sie denn so?“ Nebenbei möchte ich erwähnen, dass ich einen 1A Lebenslauf habe, aus welchem eindeutig hervorgeht was ich tue… zumal sich, zugegeben komprimiert, dies auch aus dem Fragebogen eindeutig erkennen ließe… nun, lassen wir das.

    Oberes Management, Abteilungsleiter, Service- und Prozess Management, strategische Unternehmensentwicklung ohne jetzt weiter auf die Einzelheiten einzugehen. „Haben wir hier nicht… kann ich auch Gruppenleiter eingeben?“ Hää? Das war ich mal 1992. Nein! Das ist zu niedrig angesetzt, ich bewege mich unterdessen auf den oberen Managementkorridoren! „Controller hätten wir noch…“ Nein, auch das trifft es nicht, dumm wenn man Kostenstellenverantwortliche war und nein, auch ins Handwerk möchte ich nicht mehr zurück! Das Böse ist immer und überall! Fremdsprachenkenntnisse; Englisch verhandlungssicher, auf der Skala von 1-5 gebe ich mir eine 5; 5 = hoch. Der Sachbearbeiter meint, dass das nicht ginge, denn es würde implizieren das ich Texte übersetzen könnte. Gut aufgepasst, schließlich habe ich gerade einen 89 seitigen internationalen Vertrag mit dem Kunden spezifiziert, vereinbart und verabschiedet. Aber lassen wir das, was ist schon Globalisierung! Dieses Wasser lebt in Mombasa…

    Nach ca. 40 Minuten bin ich gelangweilt vom richtigen Titel aussuchen, nicht finden und teile dies auch aktiv meinem Sachbearbeiter mit und lasse ihn quasi an meinem Schmerz teilhaben. Nicht umsonst heißt es immer: "Machen Sie Betroffene zu Beteiligten!" Ich erkläre mich bereit die Daten selbst zuzuordnen und korrekt zu erfassen. Mein „Sachbearbeiter“ teilt mir mit, dass er mich für einen Termin in ca. 6 Monaten auf Wiedervorlage legt, grinst mich motivierend an und sagt: „ Für solche wie Sie kann ich eh nix tun… Viel Glück und bis in 6 Monaten“.

    Die Arie zur Berechnung meiner ALG I Berechnung inkl. der ermittelten Summe erspare ich Ihnen an dieser Stelle auch, komme jedoch zum Fazit, dass mir langsam Westerwelles Slogan „ Arbeit muss sich wieder lohnen“ sympathisch wird, was der eigentliche Skandal in dieser ganzen Geschichte ist.

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